In Deutschland gehört die Debatte um die Erbschaftsteuer zum Standardrepertoire jedes Wahlkampfs. Die Argumentationslinie ist oft identisch: Es wird auf eine vermeintliche „soziale Ungerechtigkeit“ verwiesen und die Steuer als notwendiges Instrument zur Umverteilung gepriesen. Doch während hierzulande die Politik mit dem Thema oft um Wählerstimmen ringt, haben unsere europäischen Nachbarn einen anderen Weg gewählt.
Warum Länder wie Schweden, Österreich und Norwegen diesen Weg gegangen sind, hat wenig mit „Geschenken für Reiche“ zu tun – sondern mit ökonomischem Pragmatismus, internationaler Wettbewerbsfähigkeit und einer tiefen gesellschaftlichen Erkenntnis über die Natur dieser Steuer.
Der psychologische Wendepunkt: Die Lehre aus der Tsunami-Katastrophe
In Schweden war die Abschaffung der Erbschaftsteuer nicht nur das Ergebnis kühler Berechnungen. Den finalen Anstoß gab eine nationale Tragödie: das Tsunami-Unglück im Indischen Ozean im Dezember 2004. Schweden war unter den westlichen Nationen eines der am härtesten betroffenen Länder.
Inmitten dieser nationalen Trauer wurde der Öffentlichkeit die menschliche Belastung durch die Erbschaftsteuer bewusst. Während Menschen um ihre Angehörigen trauerten, forderte das System bürokratische Bewertungen von elterlichen Häusern oder kleinen Familienbetrieben ein.
Diese Erfahrung führte in Schweden zu einem moralischen Konsens. Man empfand es als nicht mehr zeitgemäß, dass der Staat aus dem schmerzhaften Moment des Generationenwechsels einen fiskalischen Nutzen zieht. Zum 1. Januar 2005 wurde die Steuer abgeschafft – ein Schritt, der den gesellschaftlichen Frieden in einer schweren Zeit stärkte.
Das Fallbeispiel Schweden: Wirtschaftliche Dynamik durch Vertrauen
Schweden bewies in der Folge, dass ein starker Sozialstaat und die Abschaffung von Substanzsteuern kein Widerspruch sein müssen.
1. Die Rückkehr des Kapitals
Ein bemerkenswerter Effekt war die Rückkehr prominenter Unternehmer wie IKEA-Gründer Ingvar Kamprad, der nach Jahrzehnten im Ausland wieder in seine Heimat zurückkehrte. Mit ihm kam nicht nur Kapital, sondern auch eine neue Investitionsbereitschaft. Diese Rückkehrer tragen nun über die Einkommen- und Kapitalertragssteuer zum Gemeinwohl bei, was dem Fiskus langfristig oft mehr nützt als eine einmalige Erbschaftsteuer.
2. Ein Nährboden für Innovation
Experten sehen in der steuerlichen Planbarkeit einen Grund für den schwedischen Startup-Boom. Unternehmen wie Spotify oder Klarna konnten in einem Umfeld wachsen, in dem Gründer wissen, dass ihr Lebenswerk beim Übergang auf die nächste Generation geschützt ist. Steuerliche Einfachheit wurde so zu einem wichtigen Standortvorteil.
Blick über den Tellerrand: Konzepte aus Österreich und Norwegen
Norwegen und das „Kontinuitätsprinzip“
Norwegen zeigt seit 2014, wie man Fairness und Wirtschaftlichkeit versöhnt. Wer ein Haus oder Aktien erbt, zahlt beim Erbgang 0 Euro Steuer. Die Steuerpflicht wird lediglich in die Zukunft verschoben: Erst wenn der Erbe das Gut tatsächlich verkauft, wird der Wertzuwachs seit dem ursprünglichen Kauf versteuert. Das respektiert das Liquiditätsprinzip – Steuern werden erst fällig, wenn auch Geld fließt.
Österreich: Absage an das Bürokratie-Monster
Österreich schaffte die Steuer 2008 ab, da der administrative Aufwand, z.B. das Schätzen von Immobilien und Kunst, oft in keinem Verhältnis zu den Einnahmen stand. Man entschied sich für Effizienz statt für ein komplexes bürokratisches Regelwerk.
Deutschland: Ein Blick auf die harten Fakten
In der hiesigen Debatte lohnt sich ein Blick auf die tatsächliche Bedeutung der Steuer für den Staatshaushalt:
- Der Anteil: Die Erbschaftsteuer macht lediglich ca. 1 % des gesamten Steueraufkommens aus.
- Die Realität des Mittelstands: Ein Freibetrag von 400.000 € deckt in vielen Ballungsräumen heute kaum noch ein durchschnittliches Einfamilienhaus ab. Für viele Erben bedeutet dies eine finanzielle Belastung für ein Gut, das oft schon über Jahrzehnte aus bereits versteuertem Einkommen abbezahlt wurde.
Direkter Vergleich: Erben in Deutschland vs. Nachbarländer
| Kriterium | Deutschland | Schweden / Österreich / Norwegen |
| Steuersatz | Bis zu 50 % | 0 % (Abgeschafft) |
| Bürokratie | Hoch (Bewertungen) | Minimal (Anzeigepflicht) |
| Psychologie | Fokus auf Umverteilung | Fokus auf Kontinuität |
| Wirtschaft | Neigung zur Kapitalflucht | Anreiz für Reinvestition |
| Anteil am Haushalt | ~1,0 % | 0,0 % |
Fazit: Ein Einladung zum Nachdenken
Die Beispiele unserer Nachbarn zeigen, dass die Abschaffung der Erbschaftsteuer nicht zwangsläufig zu sozialer Kälte oder leeren Staatskassen führt. Im Gegenteil: Durch mehr Vertrauen in die Generationenfolge, weniger Bürokratie und den Rückfluss von Kapital kann eine neue Dynamik entstehen, von der letztlich alle profitieren.
Dieser Artikel ist ein Gedankenexperiment und soll dazu anregen, darüber nachzudenken, ob wir in Deutschland mutig genug sind, den nordischen Pragmatismus zu prüfen. Vielleicht ist es an der Zeit, die ideologischen Gräben zu verlassen und uns zu fragen: Können wir ein System schaffen, das den Erfolg einer Lebensleistung respektiert und gleichzeitig den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt?
Es lohnt sich zumindest, darüber ins Gespräch zu kommen.
Karsten MattKarsten Matt ist Honorarberater mit zwei Jahrzehnten Erfahrung in der finanziellen Beratung erfolgreicher Menschen. Als Papa von Zwillingen und Weinliebhaber bringt er nicht nur Professionalität, sondern auch Herz in seine Arbeit. Er ist begeisterter Fan von SV Elversberg und FC Bayern München und weiß, wie man mit Leidenschaft und Engagement Ziele erreicht. Als gefragter Speaker, teilt er sein umfangreiches Wissen und seine fundierten Einblicke in Finanzstrategien mit einem breiten Publikum.


