KGV-Märchen:
Warum teure Aktien kein Grund zur Panik sind


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Das KGV-Märchen: Warum „teure“ Aktien kein Grund für Panik-Reaktionen sind

Wer aktuell die Finanzberichte zum Februar 2026 aufschlägt, kommt am „Bullshit-Bingo“ der Kennzahlen kaum vorbei. Ein Begriff steht dabei ganz oben auf der Liste: das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis). Analysten warnen lautstark, dass der US-Markt mit einem Shiller-KGV von über 40 historisch „teuer“ sei.

Die reflexartige Reaktion vieler Anleger: „Wenn es so teuer ist, muss es bald krachen. Ich ziehe mein Geld ab und warte auf den Einstieg bei 15.“ Doch wer so handelt, verlässt den Pfad des rationalen Nachdenkens und begibt sich auf das Glatteis der Marktprognosen.


Was das KGV wirklich ist (und was nicht)

Das KGV ist im Grunde nichts anderes als ein Preisschild. Es sagt uns, wie viele Jahresgewinne wir auf den Tisch legen müssen, um ein Unternehmen (oder einen ganzen Index wie den S&P 500) zu kaufen. Ein KGV von 40 bedeutet: Bei gleichbleibenden Gewinnen dauert es 40 Jahre, bis sich der Kaufpreis amortisiert hat.

Klingt nach viel? Ist es auch. Aber hier beginnt der Denkfehler: Das KGV ist kein Timing-Instrument.

Die Wissenschaft zeigt zwar einen Zusammenhang zwischen einem hohen KGV und einer tendenziell niedrigeren Renditeerwartung über die nächsten zehn Jahre. Aber für die nächsten zwölf Monate hat das KGV die Vorhersagekraft eines Glückskekses.

Märkte können jahrelang „teuer“ bleiben und dabei munter weiter steigen. Wer 2024 oder 2025 wegen eines „zu hohen“ KGVs ausgestiegen ist, hat die Gewinne bis heute (Februar 2026) teuer mit Opportunitätskosten bezahlt.


Warum 2026 anders bewertet wird als 1929

Wenn Analysten heute mit historischen Vergleichen aus dem letzten Jahrhundert kommen, ist das oft klassisches Bullshit-Bingo. Wir können ein modernes Tech-Unternehmen von heute nicht mit einer Eisenbahngesellschaft von 1950 vergleichen.

  • Höhere Margen: Die Schwergewichte im S&P 500 erzielen Nettomargen von über 13 %. Hohe Profitabilität rechtfertigt mathematisch ein höheres KGV.
  • Wachstumsdynamik: Ein Unternehmen, das seinen Gewinn jedes Jahr um 20 % steigert, darf ein höheres KGV haben als ein stagnierender Industriekonzern.

Drei Kennzahlen, die wichtiger sind als das KGV

Anstatt auf das KGV zu starren und in Schockstarre zu verfallen, sollten wir uns auf Kennzahlen konzentrieren, die etwas über die Resilienz und die langfristige Stabilität Ihres Depots aussagen:

1. Die Eigenkapitalquote

Diese Zahl verrät uns, wie viel Puffer ein Unternehmen bei Gegenwind hat. Eine hohe Eigenkapitalquote bedeutet: Das Unternehmen kann Zinssteigerungen oder Umsatzdellen aus eigener Kraft aussitzen. Das ist wahre Sicherheit.

2. Der Free Cashflow

Cash lügt nicht. Der Free Cashflow zeigt, wie viel echtes Geld am Ende des Tages übrig bleibt, um Schulden zu tilgen, Dividenden zu zahlen oder in neue Projekte zu investieren.

3. Die Equity Risk Premium (Aktienrisikoprämie)

Sie setzt die Gewinnrendite von Aktien ins Verhältnis zu „risikofreien“ Staatsanleihen. Solange die Aktienrendite deutlich über dem liegt, was man bei Anleihen bekommt, bleibt der Markt attraktiv – egal, wie hoch das KGV ist.


Fazit: Kurs halten statt Kennzahlen-Hopping

Wer beim Tennis bei jedem kleinen Windstoß seine Schlagtechnik ändert, wird das Spiel verlieren. An der Börse ist es dasselbe. Nachdenken statt Reagieren bedeutet zu akzeptieren, dass der Markt teuer sein kann und trotzdem steigt.

Das KGV ist ein interessantes Gesprächsthema, aber ein miserabler Grund, um Ihre bewährte Anlagestrategie über Bord zu werfen. Bleiben Sie diszipliniert – die Zeit im Markt schlägt das Timing des Marktes fast immer.

Karsten Matt Karsten Matt

Karsten Matt ist Honorarberater mit zwei Jahrzehnten Erfahrung in der finanziellen Beratung erfolgreicher Menschen. Als Papa von Zwillingen und Weinliebhaber bringt er nicht nur Professionalität, sondern auch Herz in seine Arbeit. Er ist begeisterter Fan von SV Elversberg und FC Bayern München und weiß, wie man mit Leidenschaft und Engagement Ziele erreicht. Als gefragter Speaker, teilt er sein umfangreiches Wissen und seine fundierten Einblicke in Finanzstrategien mit einem breiten Publikum.

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